»Aber, Michelle, irrst du dich da nicht? Du kennst sie doch auch nicht. Oder weißt du, welche Hobbys sie hat? Was sie gern isst oder trinkt? Weißt du überhaupt irgendetwas von ihr?«
Trotzig schob Michelle ihr Kinn nach vorn und schürzte die Lippen. »Ich kenne sie besser, als du denkst.«
Gina lachte bitter auf. »Weil du mit ihr geschlafen hast, oder wie?«
Wütend wollte Michelle aufstehen, doch Gina griff über den Tisch und hielt sie schnell zurück. »Es tut mir leid. Dann erklär es mir.«
Michelle lehnte sich zurück und sah blicklos auf den Tisch. »Sie ist eine aufmerksame Frau, die mir das Büro heimelig eingerichtet hat, damit ich mich an meinem neuen Platz wohlfühle. Und sie ist auch eine verschlossene, verletzliche Frau, die so voller Leidenschaft sein kann, sie aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht noch einmal zulässt.«
»Und woher nimmst du die Gewissheit, dass sie nicht einfach nur nett ist, wenn sie dein Büro dekoriert? Woher weißt du, dass sie Gefühle für dich nur versteckt hält? Was, wenn sie überhaupt gar keine Gefühle für dich hat?«
»Ich weiß es einfach!«, rief Michelle viel zu laut aus, sodass Gina erschrocken zurückwich und sich die Köpfe nach ihnen umdrehten. »Ich kann es nicht erklären. Aber ich weiß es!«
»Ist ja gut, Michelle«, versuchte Gina, sie wieder zu beruhigen. »Ich mach mir halt Sorgen um dich. Und deshalb würde ich es für das Vernünftigste halten, wenn du sie dir endlich aus dem Kopf schlägst.«
Michelle seufzte resigniert. »Das sage ich mir ja auch jeden Abend, wenn ich im Bett liege und über meine Situation nachdenke. Aber ich kann es nicht.« Sie legte die Hand auf ihre Brust. »Das eigensinnige Teil hier in meiner Brust, das sagt mir, dass ich weiter um sie kämpfen muss.« Michelle hob den Kopf und sah ihre Freundin an. »Ich weiß, dass du es nicht verstehst, aber ich kann sie nicht einfach aufgeben. Doch es stimmt, es macht mich regelrecht krank, wenn ich ihr nah bin und sie dabei so weit von mir entfernt ist.«
»Michelle, du solltest dir mal zuhören.« Gina hatte sich neben sie gesetzt und ihren Arm um ihre Schultern gelegt. »Sie macht dich krank, das sagst du selbst. Meinst du nicht, dass du spätestens jetzt die Finger von ihr lassen solltest?«
Niedergeschlagen ließ Michelle sich gegen ihre Freundin sinken. »Was soll ich denn tun? Ich habe schon überlegt zu kündigen, aber das bringe ich nicht fertig. Der Gedanke, sie gar nicht mehr zu sehen, ist noch schlimmer als alles andere.« Mit einem flehenden Hundeblick sah sie Gina in die Augen. »Ach, Gina, hast du nicht vielleicht noch eine Idee?«
Gina atmete tief durch. »Also gut«, sagte sie. »Dann machen wir eben weiter.« Nachdenklich tippte sie sich mit dem Finger auf ihre Lippen. »Wenn sie auf deine Reize nicht reagiert, dann sollten wir es mal mit dem Gegenteil versuchen.«
»Soll ich mich jetzt in Lumpen kleiden?« Verwundert sah Michelle ihre Freundin an, die glucksend den Kopf schüttelte.
»Nicht doch. Ich habe da an etwas ganz anderes gedacht.« Sie drehte Michelle zu sich herum und nahm ihre Hände in ihre. »Ich hatte mal eine Freundin, die mich regelrecht in den Wahnsinn getrieben hat. Immer wieder ist sie mit anderen ausgegangen, ohne mir zu sagen mit wem oder wohin.«
Sie sah Michelle erwartungsvoll an, doch Michelle wusste nicht, worauf sie hinauswollte.
»Es ist doch offensichtlich. Du machst dich bei ihr interessant, indem du ihr eine Freundin vorspielst. Mach sie eifersüchtig! Wäre doch gelacht, wenn sie das nicht auf deine Spur bringen würde.«
Michelle hörte in sich hinein. Ihr Herzschlag beschleunigte sich unmerklich bei dem Gedanken, Danela etwas vorzuspielen. »Und das soll funktionieren?« Zweifelnd sah sie Gina an.
»Probier es einfach aus. Was soll schon passieren? Du hast doch nichts zu verlieren.« Sie stand auf, nahm ihr Tablett vom Tisch und zwinkerte Michelle frohgestimmt zu. »Ich ruf dich nachher an, mal sehen, was geht.«
Aufgeregt rutschte Michelle wenig später auf ihrem Stuhl hin und her und wartete auf Ginas Anruf, der eine Stunde später kam.
»Und, ist sie da?«
Aus dem Augenwinkel konnte Michelle Danela sehen, die an ihrem Schreibtisch saß und am Computer arbeitete.
Bevor sie etwas sagen konnte, fuhr Gina schon fort: »Wenn du etwas sagst, dann ohne meinen Namen zu nennen. Lach laut auf, spiel mit deinen Haaren, ganz so, als würde ich mit dir flirten.«
Michelle brauchte ein paar Sekunden, um sich auf diese Charade einzustellen, die ihr tief in ihrem Innern etwas Unbehagen bereitete.
Dann schob sie entschlossen ihren Stuhl ein Stück nach hinten und begann zu kichern. In der Spiegelung ihres Bildschirms konnte sie sehen, dass ihre Wangen rot schimmerten. Das kam von der Aufregung, doch für Danela konnte es durchaus anders aussehen.
Sie zwirbelte eine kurze Locke um ihren Finger und spielte damit, während Gina ihr weiter Anweisungen ins Ohr flüsterte. Eine Bewegung im Augenwinkel veranlasste sie, unauffällig zu Danela hinüberzusehen, die sich im Stuhl zurückgelehnt hatte und ihr Telefonat durchaus neugierig zu verfolgen schien.
Wenig später beendete Michelle das Gespräch und arbeitete schweigend weiter. Wobei ihr nicht entging, dass Danela sie weiter beobachtete, doch nach einigen Minuten nahm auch sie ihre Arbeit wieder wortlos auf.
Zum Feierabend nutzte Michelle das schöne Wetter und ging zu Fuß nach Hause. Tief sog sie die Luft in ihre Lungen, hielt sie so lange darin fest, bis es in ihrer Brust schmerzte und sie sie schließlich pfeifend entweichen ließ. In ihrem Büro hatte sie mehr und mehr das Gefühl, dass ihr die Luft zum Atmen ausging.
Gina hatte ihr den gesamten Plan am Telefon erklärt, und da hatte es sich auch gut angehört. Doch je weiter sie sich von ihrem Büro und damit von Danela entfernte, desto unsicherer wurde sie. Es würde definitiv mehr als nur einen Anruf brauchen, um Danela aus der Reserve zu locken, darin waren sie sich einig gewesen.
Am nächsten Nachmittag gingen sie zu Phase zwei über. Wieder rief Gina sie an und erzählte ihr einige Witze, die Michelle, trotz ihrer inneren Anspannung, zum Lachen brachten.
»Das machst du gut, Michelle. Wenn wir gleich auflegen, dann gehst du zu ihr und sagst, dass du heute früher Feierabend machen möchtest.«
Wenig später beendeten sie das Gespräch, und Michelle nahm allen Mut zusammen und klopfte an die halbgeöffnete Tür. »Frau Vargas, brauchen Sie mich heute noch? Ich würde gern früher Feierabend machen.«
»Gehen Sie ruhig. Ich brauche Sie nicht mehr.« Danela hob nicht einmal den Kopf von ihrem Bildschirm, wie Michelle enttäuscht feststellte.
Sie trat vor das Gebäude und schob die Hände in die Jackentaschen. Ratlos sah sie in den wolkenverhangenen Himmel hinauf. Jetzt hatte sie mal früher Feierabend und keine Ahnung, was sie mit der Zeit anfangen sollte. Viel lieber wäre sie bei Danela im Büro geblieben und hätte so die Zeit mit ihr verbracht, auch wenn sie nur nebeneinanderher gearbeitet hätten.
Frustriert ging sie nach Hause und brachte ihre ganze Wohnung auf Vordermann.
Tags darauf sprach Michelle erneut mit Gina am Telefon und gab eine wahrlich oscarreife Vorstellung. Sie hauchte in den Hörer, verwuschelte dabei ihre Haare und strich sich immer wieder den Rock glatt, während sie die schlanken Beine übereinanderschlug.
Als sie wenig später mit einer Mappe und der neuerlichen Bitte nach früherem Feierabend nach nebenan ging, glitten Danelas braune Augen über Michelle, als würde sie sie zum ersten Mal wahrnehmen.
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