»Aber doch nicht mit so was!« Mit spitzen Fingern hielt Michelle ein geblümtes Kleid hoch. »Keine Chance, Gina.« Sie schüttelte vehement den Kopf. »Darin käme ich mir vor wie auf einem Kostümball. In einem Hasenkostüm.«

»Okay.« Gina gab sich geschlagen und nahm ihr das Kleid aus der Hand. »Aber probier die anderen Sachen, bitte. Nur anprobieren.« Sie warf Michelle dabei einen solch flehenden Blick zu, dass Michelle gar nicht anders konnte.

Resigniert zog sie den Vorhang zu und schälte sich aus ihren Sachen. Nach und nach probierte sie die einzelnen Stücke an. Eines musste sie Gina lassen, sie hatte einen geübten Blick, was ihre Größe anging.

»Und, wie sieht es aus?« Gina steckte ihren Kopf durch den Vorhang und musterte Michelle, die sich vor dem Spiegel begutachtete. »Wow, Michelle, das ist der Hammer!«

Zweifelnd sah Michelle sie an. »Findest du?«

»Aber ja doch.« Gina trat zu ihr und drehte sie zum Spiegel herum. »Sieh dich doch an. Du bist eine wunderschöne Frau mit einer tollen Figur. Es wird mal Zeit, dass du das auch zeigst und dich nicht immer hinter deinen weiten Hemden und dicken Pullis versteckst.«

»Ich verstecke mich doch nicht«, protestierte Michelle sofort.

»Doch, machst du. Aber mit dem hier«, Gina zeigte auf den Spiegel, »holst du dir garantiert begehrliche Blicke.«

»Hm.« Michelle verzog den Mund. Gina hatte schon recht, das musste sie zugeben. Würde sie selbst eher einer Frau in unscheinbaren Pullis hinterherblicken oder in so einem figurbetonten Kostüm? Die Antwort fiel eindeutig aus. »Also gut, was soll ich nehmen?«, sagte sie entschlossen.

Gina griente zufrieden. »Was du anhast auf alle Fälle. Die anderen Sachen musst du mir noch zeigen.«

Sie verbrachten eine gefühlte Ewigkeit damit, Outfits für Michelle zusammenzustellen. Immer wieder lief Gina los und kam vollbepackt zurück.

»So, das dürfte fürs Erste reichen«, beschloss Gina endlich. »Jetzt fehlen noch Schuhe, Make-up und Parfum.«

Michelle stöhnte auf. »Wie lange soll das denn noch dauern? Und was stimmt jetzt mit meinem Parfum nicht?«

Gina rollte mit den Augen. »Fruchtig, blumig, weiblich, das sind die Attribute, die du suchen solltest. Nicht sportlich und schon gar nicht altbacken.«

»Altbacken? Ich bin doch nicht altbacken!«

Aber aller Protest nützte nichts.

Nachdem sie nach mehreren Duftproben endlich Ginas Nase mit einer Sorte Parfum zufriedenstellen konnte, fand sich Michelle in einem Schuhgeschäft wieder, wo sie mit Gina über die richtige Höhe der Absätze kämpfen musste.

Vollgepackt mit Einkaufstüten und einem Stapel Schuhkartons voller Kompromisse machten sie sich endlich auf den Nachhauseweg.

Am nächsten Morgen legte Michelle sorgfältig von dem teuren Make-up auf, zu dem Gina sie noch überredet hatte. Sie sah in den Spiegel und erkannte sich selbst nicht wieder.

»Nein, das bin ich nicht«, murmelte sie kopfschüttelnd, nahm einen Waschhandschuh und entfernte die Schminke wieder.

Während der Busfahrt zum Büro dachte sie über Ginas Worte nach.

Es stimmt schon. Wenn du willst, dass sie aus sich herausgeht, dass sie dich als begehrenswert wahrnimmt, dann musst du sie in diese Richtung schubsen. Zeig ihr deine Reize, spiel mit dem Feuer, wenn du so willst, aber wenn du nur wie ein Mauerblümchen dasitzt, dann wird sich nichts zwischen euch ändern und du wirst einfach nur ihre Assistentin und Kaffeeträgerin bleiben.

Mit klopfendem Herzen saß Michelle wenig später an ihrem Platz und konnte es kaum erwarten, dass Danela kam.

Nur das leise Ticken der Wanduhr durchbrach die Stille in dem Büro.

Als die Tür sich endlich öffnete und Danela hereinkam, nahm sie einen Ordner vom Tisch, den sie sich schon bereitgelegt hatte, und stand auf, um zum Aktenschrank zu gehen.

»Guten Morgen«, begrüßte Danela sie wie üblich auf dem Weg in ihr Büro, doch Michelle entging nicht, dass sie stutzte und ihre Schritte verlangsamte.

»Guten Morgen, Frau Vargas«, erwiderte Michelle und schob den Ordner in die unterste Reihe, wobei sie sich tief hinunterbeugen musste.

Auf dem Weg zurück zum Schreibtisch ging sie an der offenen Tür vorbei. Aus dem Augenwinkel heraus konnte sie sehen, wie Danelas Blicke über ihre Gestalt glitten, die von dem enganliegenden Kostüm hervorragend zur Geltung gebracht wurde.

Danke Gina, das ist schon mal ein Punkt für mich, jubilierte Michelle innerlich.

»Ihr Kaffee, Frau Vargas.« Wenig später hielt sie Danela die Tasse entgegen und wartete darauf, dass sie sich ihr zuwandte.

Erneut strichen Danelas Blicke über Michelles Gestalt. Ihre Pupillen zogen sich dabei leicht zusammen. Wortlos nahm sie die Tasse und stellte sie neben sich auf den Tisch.

Aber Michelle war noch nicht fertig. Mit einer Mappe stellte sie sich schräg hinter Danela und beugte sich von der Seite her vor. »Ich bräuchte Ihre Unterschrift.« Sie deutete mit dem Finger auf die Stelle. »Hier, und da noch einmal.«

Danela nahm einen Stift und kritzelte ihre Unterschrift auf die gezeigten Stellen.

Leicht überrascht bemerkte Michelle, dass ihre Finger dabei zitterten.

Erneut beugte sie sich vor, dieses Mal ermutigt noch näher an Danela heran und blätterte um. »Und hier bitte auch noch.«

Sie stand so dicht neben Danela, dass sich ihre Brust leicht gegen Danelas Arm drückte, als sie sich vorbeugte und auf die entsprechende Stelle zeigte. Zudem gewährte sie Danela einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté, da sie die obersten Knöpfe ihrer Bluse geöffnet hatte.

Danelas Atmung beschleunigte sich deutlich, ihre Nasenflügel begannen kaum merklich zu vibrieren, als würden sie den Duft von Michelles Parfum in sich aufsaugen.

Plötzlich schob Danela ihren Stuhl nach hinten, stand ruckartig auf und war mit einem gemurmelten »Ich muss los« auch schon zur Tür hinaus.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen sah Michelle ihr nach, als sie ebenfalls das Büro verließ.

Das hat auf jeden Fall Wirkung gezeigt. Bravo.

Den ganzen Tag wartete sie gespannt auf Danelas Rückkehr, doch sie kam erst kurz vor Feierabend ins Büro zurück. Sie packte ihre Tasche, nickte Michelle knapp zu und verließ das Büro durch die hintere Tür, die direkt in den Gang mit den Aufzügen führte.

Nachdenklich sah Michelle ihr hinterher. Hoffentlich war das jetzt nicht doch ein Schuss in den Ofen. Hoffentlich habe ich es nicht übertrieben und Danela endgültig vertrieben.

Auch an den folgenden Tagen geizte Michelle nicht mit ihren Reizen. Hatte sie sich am ersten Tag noch recht unwohl in ihrer neuen Rolle und den ungewohnten Kleidern gefühlt, so gewann sie mit jedem Tag mehr Selbstvertrauen. Und sie gewann Gefallen an ihrem neuen Ich.

Damit stand sie aber allein da, denn Danela zeigte wenig bis gar keine Veränderung in ihrem Verhalten ihr gegenüber. Sie warf ihr zwar immer wieder verstohlene Blicke zu, doch der von Michelle erhoffte Erfolg blieb weiterhin aus. Im Gegenteil, sie hatte sogar das Gefühl, dass Danela sich noch mehr von ihr fernhielt.

Immer mehr zweifelte Michelle daran, dass Ginas grandiose Idee noch von Erfolg gekrönt werden würde.

9

»Du siehst müde aus.« Gina setzte sich ihr gegenüber und musterte sie nachdenklich. »Läuft immer noch nicht so wie erhofft?«

Michelle schob ihr Tablett zur Seite und legte ihre Hände auf den Tisch. Fahrig fuhr sie mit den Fingern über die Tischplatte und sammelte einige verstreute Krümel ein.

»Ach, Michelle.« Gina fing Michelles Hände ein und drückte sie tröstend. »Wäre es nicht doch besser, du würdest es aufgeben?«

»Nein.« Michelle schüttelte energisch den Kopf. »Du kennst sie nicht, Gina. Schon gar nicht so, wie ich sie kenne.«

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Claudia Lütje: Der lange Weg zu deinem Herzen ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 »Komm schon, Michelle, wir wollen doch tanzen und keine Löcher in den Himmel starren.« Gina...
Stumm starrten sie in den Himmel, bis das Naturereignis vorbei war. »Und, hast du dir etwas...
Mit leiser Stimme erzählte Michelle ihr, wie sie beim Tanzen mit der Frau zusammengestoßen war,...
Michelle konnte nur stumm nicken. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn in ihrem Kopf. Was machst du...
Sollte sie darauf jetzt antworten? Michelles Augen öffneten sich etwas vor Erstaunen. »Ähm . .....
Na wunderbar . . . Gerade war alle Entschlossenheit aus Michelle gewichen, und nun sollte sie eine...
5 »Schau mal, Michelle, hast du das schon gesehen?« Gina zog sie am Arm zur Seite und zeigte auf...
Michelle spürte, wie ihre Lippen zu zucken begannen. Am liebsten hätte sie vor Freude gejauchzt,...
Michelle drehte sich um. Danela legte ihren Stift beiseite. »Was genau erwarten Sie sich...
»Aber doch nicht mit so was!« Mit spitzen Fingern hielt Michelle ein geblümtes Kleid hoch. »Keine...
»Aber, Michelle, irrst du dich da nicht? Du kennst sie doch auch nicht. Oder weißt du, welche...
Sie legte ihre Fingerspitzen aneinander und sah sie über den Rand ihrer Brille an. »Sie strahlen...