Michelle drehte sich um.
Danela legte ihren Stift beiseite. »Was genau erwarten Sie sich eigentlich von dieser Stelle?«
Der kalte Blick aus diesen dunklen Augen jagte Michelle einen Schauer über den Rücken. Aber sie hatte mit dieser Frage bereits gerechnet. Eigentlich schon, als sie ihre Bewerbung abgegeben hatte. Und daher hatte sie mit Gina zusammen eine Antwort überlegt.
»Sie haben es selbst gesagt, Frau Vargas. Ich habe Potenzial. Für mich ist das die Chance zu beweisen, dass mehr in mir steckt als nur die kleine Schadensbearbeiterin.« Sie erwiderte Danelas Blick so fest wie nur möglich und hoffte, dass Danela nicht auffiel, wie schnell ihr Herz schlug.
Danela zog die Augenbrauen hoch. Ihr Gesichtsausdruck verriet deutliche Zweifel an Michelles Aussage.
Michelle blieb das Herz stehen.
Dann atmete Danela einmal tief durch und nahm sich eine der Akten. »Schauen wir mal«, sagte sie dazu nur etwas kryptisch. »Ach, und«, sie blickte wieder hoch, »lassen Sie die Tür offen, dann muss ich Sie nicht anrufen, wenn ich etwas von Ihnen möchte.«
Damit war Michelle entlassen.
Vollkommen verwirrt setzte sie sich an ihren Schreibtisch. Was war das denn jetzt wieder? Offensichtlich hat Danela Michelles brav aufgesagten Spruch nicht wirklich geglaubt. Dennoch hat sie nichts weiter dazu gesagt.
Michelle schüttelte den Kopf. Würde sie jemals aus dieser Frau schlau werden?
7
»Und, wie war dein erster Tag als ihre Assistentin?« Gina hakte sich bei Michelle unter und ging mit ihr zur Bushaltestelle. »Hast du sie schon um den Finger gewickelt?«
Seufzend sah Michelle auf den Boden. »Sie ist ein Quell an Widersprüchen. Gestern noch hat sie mir gesagt, dass sie mich von vornherein für den Posten wollte und dass sie sich freuen würde, dass ich mich beworben habe.«
»Echt? Hat sie das gesagt?« Gina blieb erstaunt stehen.
»Ja, hat sie«, bekräftigte Michelle. »Aber heute, da war sie wieder so kalt, und es war, als würde sie mich infrage stellen. Richtig provokant.«
»Hmm.« Gina zog die Nase kraus. »Ich hoffe, du verrennst dich da nicht in etwas. Wenn sie so widersprüchlich reagiert. Möglicherweise entpuppt sie sich als eher tyrannische Chefin.«
Michelle riss die Augen auf. »Was?«
Gina schüttelte den Kopf und winkte ab. »Blöder Gedanke, vergiss es. Nur sei vorsichtig, ja? Tritt den Rückzug an, sobald es brenzlig wird, versprichst du mir das?«
Michelle nickte. »Das mache ich, versprochen.«
Als Michelle am nächsten Morgen in ihr Büro kam, blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie trat einen Schritt zurück, um sich zu vergewissern, dass sie vor der richtigen Tür stand, und betrat erneut ihr kleines Reich.
Auf dem Fensterbrett standen zwei geschmackvoll arrangierte Pflanzentöpfe, und in der bisher so leeren Ecke hatte ein kleiner Gummibaum Platz gefunden. Die einzige graue Wand, an der kein Schrank stand, zierte nun ein buntes Gemälde eines bekannten Künstlers.
»Gefällt es Ihnen?« Danela stand in der offenen Tür zu ihrem Büro und sah Michelle erwartungsvoll an. »Ich hoffe, Sie mögen die Pflanzen. Wenn nicht, dann kann ich sie sicherlich noch umtauschen lassen.«
»Oh ja.« Michelle drehte sich einmal um ihre Achse. »Ja, die Pflanzen sind wunderschön, und das Bild bringt richtig Farbe hier herein. Vielen Dank, Frau Vargas, das war sehr aufmerksam von Ihnen.«
Danelas Lippen verzogen sich zu einem zufriedenen Lächeln, das Michelles Herzschlag beschleunigte. Viel zu selten schenkte Danela ihr dieses absolut süße Lächeln. Am liebsten hätte Michelle diesen kostbaren Augenblick für immer eingefroren.
»Gern geschehen. Freut mich, dass es Ihnen gefällt.« Mit diesen Worten wandte Danela sich ab und ging wieder in ihr Büro.
Sie ließ eine wieder einmal hoffnungslos überforderte Michelle zurück. Gestern noch hatte Danela offensichtlich an Michelles Motiven gezweifelt und dies noch offensichtlicher nicht gutgeheißen, und heute gab sie ganz die fürsorgliche Chefin, der am Wohlergehen ihrer Assistentin gelegen war.
Was denn nun?
Und würde sie, Michelle, diese Stimmungsschwankungen auf Dauer aushalten?
Durch die halb geöffnete Tür konnte Michelle Danela gut von ihrem Schreibtisch aus sehen. Doch, alles würde sie aushalten, wenn sie wenigstens hier sitzen durfte.
Schmachtend seufzte sie leise auf. Danela war so nah und doch unerreichbar fern.
In den nächsten Tagen bemühte Michelle sich, Danelas Tagesabläufe zu verinnerlichen. Sie versuchte, sich jede Kleinigkeit zu merken, um so einmal einen Trumpf ausspielen zu können.
»Ihr Kaffee, Frau Vargas.«
Danela hob überrascht den Kopf, nahm ihr die Tasse aus der Hand und zog leicht eine Augenbraue nach oben, als sie den aromatischen Kaffee probierte. Sie bedachte Michelle mit einem knappen Nicken und vertiefte sich wieder in ihre Arbeit.
Gern geschehen, Frau Vargas. Mit Kaffee konnte sie ihr also nicht beikommen.
8
»Na, wie läuft es so im Chefbüro?« Gina stellte ihr Tablett auf den Tisch und setzte sich neben Michelle, die gedankenverloren in ihrer Tasse rührte. »Hey, Erde an Michelle.« Gina wedelte mit der Hand vor Michelles Gesicht herum. »Wenn du so weiterrührst, dann hast du gleich ein Loch in deiner Tasse.«
»Was?« Irritiert hob Michelle den Kopf. Sie ließ den Löffel los und lehnte sich zurück.
»Sieht so aus, als würde es nicht so laufen, wie du es dir erhofft hast, oder?« Gina sah sie mitfühlend an und biss in ihr Brötchen.
»Ich weiß nicht, was ich mir erhofft habe.« Michelle schloss einen Moment die Augen. »Falsch, ich weiß es wohl, aber ich habe keine Ahnung, wie ich es erreichen soll.« Sie warf ihrer Freundin einen verzweifelten Blick zu. »Seit ich bei ihr im Vorzimmer sitze, haben wir fast noch weniger gesprochen als vorher. Nur das Allernötigste für die Arbeit.«
Gina legte leicht den Kopf schief. »Dann solltest du sie vielleicht ein wenig aus der Reserve locken.«
»Das habe ich doch schon versucht.« Michelle nahm noch einen Schluck ihres Kaffees. »Ich habe ihr den Kaffee gebracht, das hat sie aber nicht wirklich interessiert.«
Ginas Blick wurde beinah mitleidig. »Wenn das dein Versuch ist, sie aus der Reserve zu locken, dann ist das reichlich dürftig, findest du nicht?« Sie runzelte nachdenklich die Stirn. Auf einmal erschien ein spitzbübisches Grinsen auf ihrem Gesicht, das bei Michelle alle Alarmglocken zum Läuten brachte.
Sie hob abwehrend die Hand. »Egal, was du vorhast, vergiss es. Ich mach nicht mit.«
»Na, hör mir doch erst einmal zu«, protestierte Gina. »Du musst sie für dich gewinnen, aber doch nicht mit Kaffee, das reicht bei einer Frau wie ihr bei Weitem nicht.«
»Sondern?« Michelles Ablehnung gegenüber Ginas Plänen bröckelte.
»Erst einmal gehen wir nach der Arbeit einkaufen. Wir müssen deine Garderobe etwas verändern.«
Michelle sah an sich herunter. »Was ist daran falsch?«
»Nichts«, grinste Gina frech. »Wenn du ihr weiter erfolglos hinterherhecheln willst.« Sie hob einen Finger und wedelte damit vor Michelles Nase herum. »Wenn du aber ihr Interesse an dir wecken willst, dann müssen wir hier etwas ändern. Vertrau mir, Michelle. Ich weiß, wovon ich rede.« Sie stand auf und nahm ihr Tablett vom Tisch. »Wir sehen uns später, ich hab da schon so ein paar Geschäfte im Blick.«
Wenig überzeugt von Ginas Idee ließ Michelle sich von ihr nach Feierabend durch die Straßen ziehen.
In einem Bekleidungsgeschäft schob Gina Michelle in eine Umkleidekabine und zog los. Vollbepackt mit diversen Kleidungsstücken kam sie wenig später zurück. »Hier, probier das mal an.«
Entsetzt sah Michelle von den Kleidern zu Gina. »Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«
»Natürlich. Wie sonst willst du sie für dich interessieren? Du musst dich zu einem Blickfang machen.«
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