Sie legte ihre Fingerspitzen aneinander und sah sie über den Rand ihrer Brille an. »Sie strahlen ja richtig, Frau Brunner.« Ihre sonst so ruhige Stimme vibrierte kaum merklich. Mehr an Emotionen gab sie allerdings nicht preis.

Michelle verzog ihre Lippen zu einem glückseligen Lächeln. Sie hoffte, dass Danela ihre Unsicherheit nicht bemerken und auf ihr Spiel hereinfallen würde. »Ach ja, sieht man das?«

Danela zog die Brille von der Nase und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. »Ja, man sieht es. Da scheint Ihnen jemand sehr gut zu tun.« Es klang anerkennend.

Auf einmal überkam Michelle ein Anflug von Panik. Was, wenn der Plan nach hinten losging? Wenn Danela gar nicht eifersüchtig würde, sondern von einer Michelle-in-fester-Beziehung voll und ganz die Finger ließe?

Sie schluckte ihre Bedenken hinunter und lächelte Danela fröhlich an. »Ja, ich habe wohl richtig Glück.«

Danela setzte sich die Brille wieder auf. »Dann viel Spaß, wir sehen uns morgen.«

Konsterniert verließ Michelle das Büro. Ob das jetzt wirklich die gewünschte Reaktion war?

Entsprechend Ginas Rat kam sie am nächsten Tag auch noch zu spät.

Gehetzt drückte sie die Tür auf, murmelte einige undeutliche Worte und ließ sich seufzend in ihren Stuhl fallen.

Danela sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen von ihrem Schreibtisch her an. »Guten Morgen, Frau Brunner.«

»Guten Morgen. Entschuldigen Sie bitte die Verspätung, ich habe den falschen Bus genommen.«

Danela nahm ihre Brille von der Nase und blinzelte Michelle an. »Den falschen Bus?«

Mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen strich sich Michelle über die Wange. »Meine Route kenne ich ja im Schlaf, aber die heute, die war neu.«

Sie konnte sehen, wie Danela sie musterte, und wartete darauf, dass sie weitere Fragen stellen würde, doch stattdessen setzte sie ihre Brille wieder auf und widmete sich dem Computer.

Nach dem Mittag rief Gina wieder an. »Gleiches Spiel, du fragst nach früherem Feierabend. Wäre ja gelacht, wenn sie nicht endlich anspringen würde.«

Wieder legte Michelle kichernd auf, trat an Danelas Schreibtisch und hüstelte leicht, um ihre Stimme freizubekommen. »Frau Vargas, kann ich bitte wieder früher gehen?«

Danela blickte hoch und zog düster die Augenbrauen zusammen. »Wird das jetzt zur Gewohnheit?« Ihre Blicke glitten über Michelle, die heute auf Ginas Anweisung hin auch das ihr verhasste Make-up aufgelegt hatte.

Kokett warf Michelle ihren Kopf in den Nacken. »Nein, sicher nicht. Nur heute noch, dann ist ja eh Wochenende.«

Danela presste deutlich sichtbar ihre Kiefer zusammen. »Viel Spaß«, murmelte sie missmutig.

»Danke, Ihnen auch ein schönes Wochenende.« Und damit rauschte Michelle aus dem Büro.

Doch auf dem Nachhauseweg kamen ihr Zweifel. Danela mochte manchmal für eine Sekunde den Hauch einer Rührung zeigen, doch das war auch alles. Und heute schien sie richtig verärgert zu sein, als Danela wieder nach einem vorzeitigen Feierabend gefragt hatte.

Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam sie zu dem Entschluss, dass auch dieser Plan nicht funktionierte. Im Gegenteil. Wenn sie weitermachten, würden sie den Bogen vielleicht sogar überspannen, und Danela würde Michelle kurzerhand rauswerfen.

Sowieso kam sie sich mittlerweile selbst auch reichlich albern vor. Ein kindisches Spiel, das sie hier trieben, mit vollkommen ungewissem Ausgang.

Zu Hause erklärte sie Gina am Telefon ihre Bedenken. »Diese ganzen Aktionen haben doch überhaupt keinen Sinn«, sagte sie resigniert. »Ich bin ehrlich gesagt immer noch davon überzeugt, dass es einen Weg gibt, Danela aus ihrem Schneckenhaus zu locken, nur eben nicht so.«

»Hm«, machte Gina nur. »Du willst also auf jeden Fall deine Stelle behalten?«

»Ich möchte da sein, wenn sie mich braucht«, sagte Michelle leise.

»Aber mach dich dabei nicht selbst kaputt«, mahnte Gina.

Michelle schüttelte den Kopf. »Mach ich nicht.«

»Weißt du was? Damit du dieses Wochenende nicht in Trübsal versinkst, komm doch morgen mit in den Club.« Michelle wollte schon protestieren, doch Gina schnitt ihr gleich das Wort ab. »Nur tanzen. Spaß haben, ohne Zwang und ohne Hintergedanken.«

Michelle dachte kurz darüber nach. Mal rauszukommen, würde ihr auf jeden Fall guttun. »Ich komme mit. Dann sehen wir uns morgen.«

10

Die folgende Woche verging, ohne dass Michelle mit Danela irgendwelche Fortschritte gemacht hätte. So langsam gewöhnte sie sich sogar an diesen Schwebezustand.

Freitag Abend saß Michelle in ihre Arbeit vertieft am Computer, als Danela zu ihr ins Vorzimmer trat. »Möchten Sie nicht mal langsam Feierabend machen? Immerhin ist schon Wochenende, und Sie haben doch bestimmt Besseres vor, als hier noch zu sitzen.« Mit ihrer Tasche unter den Arm geklemmt sah sie Michelle fragend an.

»Ich bin gleich fertig, Frau Vargas. Schönes Wochenende.« Michelle hob nur kurz den Blick von ihrem Bildschirm.

»Haben Sie denn keine Pläne für dieses Wochenende?« Warme Blicke aus den braunen Augen strichen über Michelle und ließen ihr die Röte in die Wangen steigen, wie sie verlegen bemerkte.

Michelle schüttelte den Kopf. »Für heute nicht. Ich muss hier noch ein paar Stunden nachholen, die ich in der letzten Zeit gefehlt habe.« Immerhin ist sie an deinen Plänen interessiert. Ist das nicht irgendwie ein gutes Zeichen?

»Nun gut. Aber arbeiten Sie nicht mehr zu lange, und genießen Sie dann Ihr wohlverdientes Wochenende.« Sie nickte Michelle kurz zu und verließ das Büro.

Seufzend drehte Michelle ihren Kopf, und in ihrem steifen Nacken knackten die Halswirbel.

»Oh, das klingt aber nicht gut.«

Wo kommt sie auf einmal her? Erschrocken fuhr Michelle zu Danela herum, die ihre Tasche auf den Boden stellte und hinter sie trat. Sie war doch schon weg.

Sanft legte Danela ihre Hände auf Michelles Schultern und begann sie zu massieren.

Wie gelähmt saß Michelle da. Gelähmt von der so wohltuenden Massage und von der Tatsache, dass das in diesem Moment tatsächlich passierte. In der Bildschirmspiegelung konnte sie Danela erkennen, wie sie sie aufmerksam beobachtete.

Ihre langen Finger strichen über ihre Schultern, den Nacken hoch und wieder zurück.

Die anfängliche Entspannung wich einem Kribbeln, als ob sie unter Strom stünde. Zwischen ihren Beinen sammelte sich verräterisch die Feuchtigkeit an.

Ihr Mund dagegen war so trocken, dass sie mehrfach schlucken musste, um ihre Kehle wieder zu befeuchten.

Wie in Trance starrte sie weiter in das Display und sah, wie Danela ihrerseits ihre vollen Lippen mit ihrer Zungenspitze befeuchtete.

War es jetzt endlich so weit? War das der Moment, auf den Michelle so lange gewartet hatte? Würde Danela letztlich bereit für mehr sein?

Michelle schloss ihre Augen und wartete darauf, dass Danela mit ihren Händen weiter über ihren Hals hinunter zu ihren Brüsten gleiten würde. Jede Faser ihres Körpers brannte geradezu vor Sehnsucht nach ihren Zärtlichkeiten.

Doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil. Auf einmal war da eine Kälte im Raum, die Michelle frösteln ließ. Sie öffnete die Augen und sah sich um.

Der Raum war leer.

Vollkommen benebelt schaltete sie den Computer aus, nahm sich ihre Tasche und verließ das Büro. Mit zitternden Fingern drückte sie auf den Rufknopf für den Aufzug.

Du hast das nur geträumt. Sie war überhaupt nicht da.

Sie ging am Empfangsschalter vorbei und durch die Drehtür hinaus. Vor der Tür atmete sie zweimal tief durch. War es wirklich nur ein Traum gewesen? Noch immer spürte sie Danelas weiche Finger auf ihrer Haut. Das hatte sich so echt angefühlt.

Entschlossen ging sie zurück ins Haus und trat an den Schalter, wo eine ältere Angestellte ihr freundlich entgegensah. »Entschuldigung, könnten Sie mir sagen, ob Frau Vargas schon das Haus verlassen hat? Ich wollte ihr noch etwas geben, aber kann sie nicht erreichen.« Sie setzte ein, wie sie hoffte, entwaffnendes Lächeln auf und wartete, während die Empfangsdame sie einen Moment musterte.

»Sie ist vor etwa zwei Minuten hier vorbeigekommen. Sie müssen sie gerade verpasst haben.«

Michelle spürte, wie ihr das Blut aus den Wangen wich. Es war kein Traum gewesen, sie stand wirklich hinter dir und hat dich massiert. Michelle fuhr sich mit der Hand über den Nacken. Warum ist sie nicht geblieben? Hat sie Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen? Oder hat sie festgestellt, dass es doch nicht das ist, was sie will?

Sie nickte der Dame zu und verließ gemächlich das Gebäude. In ihrem Kopf drehte sich das Gedankenkarussell. Doch egal in welche Richtung sie es fahren ließ, eine Antwort würde sie nur von Danela selbst erhalten, aber es stand außer Frage, sie einfach darauf anzusprechen. Denn höchstwahrscheinlich würde Danela sie nur wieder eiskalt abblitzen lassen.

Michelle blieb stehen und atmete tief durch.

Wohin würde das alles noch führen?

ENDE DER FORTSETZUNG

. . . aber nicht das Ende der Geschichte: Ab heute ist das Buch überall erhältlich.

Claudia Lütje: Der lange Weg zu deinem Herzen ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 »Komm schon, Michelle, wir wollen doch tanzen und keine Löcher in den Himmel starren.« Gina...
Stumm starrten sie in den Himmel, bis das Naturereignis vorbei war. »Und, hast du dir etwas...
Mit leiser Stimme erzählte Michelle ihr, wie sie beim Tanzen mit der Frau zusammengestoßen war,...
Michelle konnte nur stumm nicken. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn in ihrem Kopf. Was machst du...
Sollte sie darauf jetzt antworten? Michelles Augen öffneten sich etwas vor Erstaunen. »Ähm . .....
Na wunderbar . . . Gerade war alle Entschlossenheit aus Michelle gewichen, und nun sollte sie eine...
5 »Schau mal, Michelle, hast du das schon gesehen?« Gina zog sie am Arm zur Seite und zeigte auf...
Michelle spürte, wie ihre Lippen zu zucken begannen. Am liebsten hätte sie vor Freude gejauchzt,...
Michelle drehte sich um. Danela legte ihren Stift beiseite. »Was genau erwarten Sie sich...
»Aber doch nicht mit so was!« Mit spitzen Fingern hielt Michelle ein geblümtes Kleid hoch. »Keine...
»Aber, Michelle, irrst du dich da nicht? Du kennst sie doch auch nicht. Oder weißt du, welche...
Sie legte ihre Fingerspitzen aneinander und sah sie über den Rand ihrer Brille an. »Sie strahlen...