Mit leiser Stimme erzählte Michelle ihr, wie sie beim Tanzen mit der Frau zusammengestoßen war, wie sie sich geküsst hatten und wie sie auf der Dachterrasse gelandet waren.

»Wow, na, wenn das mal nicht abgefahren ist. Und dann?« Gina sah sie neugierig an.

»Sie hat mit mir geschlafen, so viel weiß ich noch.«

»Moment.« Gina zog ihre Stirn kraus. »Was heißt das denn jetzt?«

Michelle schloss gequält die Augen. »Ich muss kurz eingeschlafen sein. Und als ich aufgewacht bin, war ich allein auf der Terrasse, mit einer Decke zugedeckt. Mittlerweile bin ich mir nicht mal mehr sicher, ob ich das alles nicht nur geträumt habe. Ich meine«, ratlos sah sie Gina an, »das ist doch nicht real gewesen, oder?«

Gina strich ihr leicht über die Wange. »Es scheint mir sehr real gewesen zu sein. Aber abgefahren ist es allemal.«

»Warum ist sie einfach verschwunden? Und wer ist sie überhaupt?« Michelle spürte ein leichtes Brennen hinter ihren geschlossenen Augenlidern. Wütend rieb sie sich über die Augen. »Ich habe so etwas noch nie erlebt. Sie hatte eine Anziehungskraft, der ich mich nicht entziehen konnte. Es war schon verrückt, sie zu küssen, aber mit ihr nach oben zu gehen . . . Himmel, Gina, so etwas habe ich noch nie getan. Noch nicht einmal in meinen kühnsten Träumen.« Sie schlang ihre Arme um sich und starrte zitternd in den Himmel hinauf.

Sie konnte die zarten Hände der Fremden auf sich spüren, wie sie über ihren Körper gestreichelt hatten, wie sie . . .

Vehement schüttelte sie die Gedanken von sich ab.

»Nun, willkommen im Klub.« Gina hatte wieder ihr typisches Grinsen im Gesicht. »Das war dann wohl dein erster One-Night-Stand.«

Doch Michelle konnte Ginas Begeisterung nicht teilen. »Vielleicht sehe ich sie ja wieder, und dann . . .«

Gina wedelte mit dem Finger vor ihrem Gesicht herum. »Selbst wenn du sie wiedersiehst. Was denkst du, wird dann geschehen? Wenn sie ein Interesse an einer Beziehung mit dir hätte, dann wäre sie nicht weggegangen und hätte dich da oben allein zurückgelassen, oder?«

»Aber . . .«, protestierte Michelle, »vielleicht hatte sie einen Grund. Ich meine, wer weiß.«

»Ja klar, wer weiß.« Gina verdrehte die Augen. »Komm, Michelle, wach auf. Sie wollte schnellen Sex, und den hat sie auch bekommen. Und das war es auch. Vergiss sie, oder andersherum, jetzt hast du deine erste Kerbe im Spiel.«

3

Als Michelle am Montagmorgen aus dem Bus stieg, öffnete der wolkenverhangene Himmel seine Schleusen.

Na prima. Sie schlug den Kragen ihrer Jacke nach oben und zog ihre Schultern hoch. Das hat mir gerade noch gefehlt.

Sie sprintete durch den Regen und sprang die Treppe nach oben. Im Foyer des Bürohauses, in dem ihre Firma ansässig war, schüttelte sie sich und ließ dabei etliche Tropfen spritzen.

»Hey, können Sie nicht aufpassen?«, ertönte es ärgerlich hinter ihr.

Michelle fuhr herum und wollte sich gerade entschuldigen, als ihr die Worte im Hals steckenblieben. Sie sah direkt in diese samtbraunen Augen, die sie das ganze Wochenende verfolgt hatten.

»Du?« Entfuhr es ihr, doch die Frau zog nur leicht ihre Augenbrauen hoch und ging ohne ein sichtliches Zeichen des Erkennens an Michelle vorbei.

»Aber, hey, warte doch.« Mit klopfendem Herzen lief Michelle ihr nach.

Die Frau stieg in den nächsten Aufzug und drehte sich um. Blicke aus ihren braunen Augen strichen über Michelle, dann drückte sie einen Knopf, und die Aufzugtüren schlossen sich direkt vor Michelle, die ihr fassungslos hinterhersah.

Das kann doch jetzt nicht wahr sein! Warum hat sie nicht gewartet? Wie erstarrt blieb Michelle vor der verschlossenen Tür stehen. In ihrem Kopf rotierten die Gedanken. Hat sie dich tatsächlich nicht erkannt? Nach dem, was passiert ist, sollte sie dich schon erkennen, oder?

War sie es überhaupt? Aber sicher war sie es, ich würde sie doch immer wiedererkennen. Aber . . .

Michelle war so in ihre Gedanken versunken, dass sie die vielen Menschen gar nicht wahrnahm, die um sie herumdrängten und immer wieder die Aufzüge füllten. Sie stand einfach nur da, zur Salzsäule erstarrt, unfähig, sich zu bewegen.

»Michelle? Willst du mitfahren?«

Eine Hand auf ihrem Arm ließ sie den Blick heben. Gina stand vor ihr und sah sie mit schiefgelegtem Kopf an. »Ist alles in Ordnung? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.«

»Sie ist hier«, flüsterte Michelle tonlos. »Sie ist hier, im Gebäude.«

»Wer?« Verständnislosigkeit zeigte sich auf Ginas Gesicht. Auf einmal fiel bei ihr der Groschen. »Echt jetzt? Und wo ist sie?«

»Ich habe keine Ahnung, aber sie ist hier. Ich muss sie finden.« Sie wollte losgehen, doch Gina hielt sie zurück.

»Jetzt mal langsam, Michelle. Du hast sie also gesehen. Und sie? Hat sie dich auch gesehen?«

Michelle schüttelte den Kopf. »Sie hat durch mich hindurchgesehen. Als würde sie mich gar nicht kennen.«

»Oh.« Gina machte eine betrübte Miene. »Das ist jetzt nicht so gut.«

»Warum? Was meinst du?«

»Na ja.« Gina zog die Schultern hoch. »Nach dem, was auf der Terrasse war, meinst du nicht, dass sie dich erkennen sollte?« Auf Michelles fragenden Blick hin fuhr sie fort: »Anders gefragt. Du hast sie sofort erkannt, oder? Ohne Zweifel?«

»Natürlich«, entrüstete sich Michelle. »Ich würde sie immer wiedererkennen.« Sie stutzte und schloss gequält die Augen, als Gina sie weiter mit diesem betrübten Blick ansah. »Du meinst, sie wollte mich nicht erkennen? Sie wollte wirklich nur diesen einen Augenblick auf der Terrasse?« Die Last der Erkenntnis drückte zentnerschwer auf ihre Schultern.

»Ich weiß nicht, was sie wollte oder nicht, Michelle. Aber du solltest diese Möglichkeit in Betracht ziehen.« Gina fasste sie am Arm. »Komm, wir müssen los.«

Sie stiegen in den nächsten Aufzug, der sie in die Etage ihrer Firma brachte, und betraten ihr Büro.

Bedrückt ging Michelle an ihren Schreibtisch und ließ sich schwer in den Stuhl fallen.

»Willst du nicht endlich mal deine Jacke ausziehen?« Gina tauchte wenig später neben ihr auf und zupfte ihr die Jacke von den Schultern.

In diesem Moment öffnete sich die Tür vom Chefbüro, und zwei Personen traten in die Mitte des Großraumbüros.

»Ah, wir bekommen endlich unseren neuen Abteilungsleiter vorgestellt.« Gina blinzelte Michelle aufmunternd an. »Komm, mal sehen, wie lange er es hier aushält.« Sie drehte sich zur Seite und korrigierte sich. »Oh, es ist dieses Mal eine Sie und ein richtig heißer Feger noch dazu. Sieh sie dir an, Michelle.«

Michelle ließ sich von Gina nach oben ziehen und trat hinter sie zu den anderen Kollegen, die sich neugierig um die beiden Frauen gruppierten.

Jana Schuster, die der Geschäftsführung angehörte, strahlte in die Runde. »Meine Damen und Herren, mit großer Freude darf ich Ihnen Frau Danela Vargas vorstellen. Sie wird den Posten der Abteilungsleiterin übernehmen.«

Michelle spürte, wie es ihr eiskalt den Rücken herunterlief, als sie die Frau sah, die ihr als ihre neue Vorgesetzte präsentiert wurde. Ihre Knie fühlten sich an, als wären sie mit Pudding gefüllt, und sie geriet leicht ins Wanken. Hilflos griff sie nach Ginas Arm und klammerte sich an ihr fest.

»Aua, Michelle, du tust mir weh.« Gina versuchte, ihre Finger von ihrem Arm zu lösen und stutzte. »Michelle, was ist denn los? Du bist ja kreidebleich im Gesicht.«

Unfähig, etwas sagen zu können, starrte Michelle weiter nach vorn, wo Danela Vargas sich gerade an die Belegschaft wandte.

Gina folgte ihrem Blick. »Ach du dickes Ei«, entfuhr es ihr entgeistert. »Sag nicht, dass sie das jetzt ist!«

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Claudia Lütje: Der lange Weg zu deinem Herzen ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 »Komm schon, Michelle, wir wollen doch tanzen und keine Löcher in den Himmel starren.« Gina...
Stumm starrten sie in den Himmel, bis das Naturereignis vorbei war. »Und, hast du dir etwas...
Mit leiser Stimme erzählte Michelle ihr, wie sie beim Tanzen mit der Frau zusammengestoßen war,...
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Sollte sie darauf jetzt antworten? Michelles Augen öffneten sich etwas vor Erstaunen. »Ähm . .....
Na wunderbar . . . Gerade war alle Entschlossenheit aus Michelle gewichen, und nun sollte sie eine...
5 »Schau mal, Michelle, hast du das schon gesehen?« Gina zog sie am Arm zur Seite und zeigte auf...
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