Michelle spürte, wie ihre Lippen zu zucken begannen. Am liebsten hätte sie vor Freude gejauchzt, doch sie zwang sich, so ernst es nur ging, Danela anzusehen. »Das ist ein guter Vorschlag. Erst einmal zwei Monate.«
»Na dann«, Danela streckte Michelle ihre Hand entgegen, »auf eine gute Zusammenarbeit.«
Wie an einem unsichtbaren Faden gezogen, hob sich Michelles Hand ihr entgegen und ergriff Danelas. Heiße Blitze durchzuckten sie bei der Berührung, aber Michelle versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Wie sehr sie diese Berührung genoss.
Viel zu schnell zog Danela ihre Hand wieder zurück. »Ich lasse Ihnen morgen den neuen Arbeitsvertrag zukommen.« Sie kam um ihren Schreibtisch herum und ging in das kleine Vorzimmer. »Es ist zwar klein, aber der Platz hier sollte Ihnen reichen.«
Michelle war ihr nachgekommen und schluckte. An das Vorzimmer hatte sie überhaupt nicht gedacht. Damit wäre sie Danela ja noch näher als erwartet. »Ja, natürlich. Das ist mehr als ausreichend«, beeilte sie sich zu versichern.
Wie in Trance ging sie zu ihrem Schreibtisch zurück und begann, ihn auszuräumen.
»Michelle, was machst du da?« Besorgt trat Gina neben sie.
Michelle blickte hoch und griente. »Ich habe jetzt einen neuen Platz, nämlich in ihrem Vorzimmer.« Sie packte den Rest in den Karton.
Gina riss die Augen auf. »Es hat geklappt mit dem Job? Mensch, Michelle, das freut mich so für dich.« Sie riss Michelle in eine stürmische Umarmung.
Doch in Michelle kamen plötzlich Zweifel auf. Sie löste sich aus der Umarmung. »Ist das wirklich eine gute Idee? Ich werde ihr nun jeden Tag richtig nahe sein, mit ihr zusammenarbeiten. Was, wenn ich mich dabei lächerlich mache oder irgendwie sonst blamiere?« Ihre Knie begannen leicht zu zittern, als ihr die Angst vor ihrer eigenen Courage durch die Knochen kroch, und sie krallte sich an ihrem alten Schreibtisch fest.
»Aber warum solltest du?« Gina zog die Augenbrauen zusammen. »Ihr arbeitet miteinander, lernt euch besser kennen. Ich sehe da nichts, um sich lächerlich zu machen.«
Seufzend strich sich Michelle über die Nase. »Du weißt schon, dass du hier mit der Unschuld vom Lande sprichst.«
Lachend nahm Gina sie wieder in den Arm. »Das hast du dir echt zu Herzen genommen, was? Das solltest du aber nicht.«
Michelle klemmte sich den Karton unter den Arm. »Nein, nein, du hast schon recht gehabt. Ich bin nun mal ziemlich unbedarft. Es gibt wohl noch einiges, das ich lernen sollte.«
»Versprich mir nur eines, Michelle: Pass auf dich auf.«
»Ach, Gina, was soll schon passieren?«
Doch Michelle konnte ihrer Freundin ansehen, dass sie ihr die gespielte Leichtigkeit nicht abnahm.
6
Vor lauter Aufregung konnte Michelle kaum schlafen. Immer wieder spielte sie den nächsten Tag durch. Sie sah sich selbst in dem Vorzimmerbüro sitzen, von Danela voller Begehren angeschmachtet.
Wenn es nur so einfach wäre. Leider wusste sie nur zu gut, dass ihre Träumerei weit an der Wirklichkeit vorbeiging.
Am frühen Morgen fuhr sie mit dem Bus in die Firma und betrat mit heftigem Herzklopfen das kleine Büro. Voller Elan ließ sie sich in den Stuhl fallen und fuhr mit dem Finger über die Schreibtischplatte. Auch wenn dieses Büro schon länger verwaist gewesen war, die Putzkolonne hatte ganze Arbeit geleistet und kein Staubkorn übrig gelassen.
Ihre Blicke glitten durch den Raum. Es war alles da, was sie benötigte, aber es fehlte eindeutig an Charme. Sie würde sich dafür etwas einfallen lassen müssen. Auf alle Fälle brauchte sie ein paar Pflanzen.
Wenig später kam Danela hereingestürmt und blieb abrupt stehen, als sie Michelle vor sich sitzen sah. Verwundert ließ sie ihre Blicke hin- und herwandern, dann schien der Groschen zu fallen.
»Ja, richtig, Frau Brunner, ich hatte schon wieder vergessen, dass Sie jetzt hier bei mir sind.« Sie strich sich eine Strähne ihrer langen Haare hinters Ohr. »Haben Sie alles, oder gibt es etwas, das ich Ihnen für Ihren Platz noch besorgen lassen kann?«
»Danke, Frau Vargas. Für die Arbeit ist alles da. Nur Blumen werde ich noch kaufen, damit es ein wenig freundlicher wird hier drin.« Sie sah einen Moment auf ihren Bildschirm, zögerte kurz, dann gab sie sich einen Ruck. »Darf ich Sie noch etwas fragen?«
»Natürlich.« Danela drehte sich zu Michelle um.
»Ich habe Ihre Anforderungen an die Assistenz natürlich verinnerlicht«, begann Michelle sachlich. Sie wollte auf keinen Fall schon am ersten Tag in ein Fettnäpfchen treten. »Gibt es neben den üblichen Sekretariatsarbeiten noch andere Aufgaben, die ich für Sie übernehmen werde und auf die ich mich vielleicht noch vorbereiten muss?«
Danela blickte Michelle auf eine unergründliche Weise an. »Nun«, sagte sie schließlich nach einem Zögern, »da wären noch die Außendienste, zu denen Sie mich auch hin und wieder begleiten werden.«
Michelle schluckte. »Ich soll Sie begleiten?« Das wird ja immer besser! Du wirst ihr nicht nur hier nah sein, du kannst mit ihr auf Reisen gehen!
Sie spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden. Danelas intensiver Blick machte sie zusätzlich nervös.
»Sehen Sie sich dazu in der Lage, das zu übernehmen?« Danelas Tonfall wurde harsch. Das war eindeutig weniger eine Frage, sondern mehr eine Aufforderung.
Michelle war sofort klar, worauf Danela hinauswollte. Sie erwartete genau das Gegenteil von dem, was sich Michelle ersehnte. Aber die Hoffnung, Danela eines Tages doch noch für sich gewinnen zu können, siegte. »Natürlich sehe ich mich dazu in der Lage«, erwiderte Michelle mit fester Stimme, wenn auch nicht ganz wahrheitsgemäß.
Als wollte sie durch Michelle hindurchblicken, musterte Danela sie von oben bis unten. Hatte sie gestern noch höflich, ja beinahe erfreut über ihre Bewerbung gewirkt, lag nun so etwas wie Feindseligkeit in ihrem Blick. Durchschaute sie Michelle?
Falls sie das tat, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken. »Gut. Dann sollten wir jetzt an die Arbeit gehen.« Mit diesen Worten ging Danela in ihr Büro und schloss die Tür.
Michelle seufzte. Von ihrem Ziel, mehr über Danela zu erfahren oder ihr näherzukommen, war sie auf einmal weiter entfernt als je zuvor, wie sie mit Bedauern feststellte, als sie auf die geschlossene Tür sah.
Am späten Vormittag wurde die Tür zum Vorzimmer aufgestoßen und Jana Schuster rannte beinahe in Michelle hinein, die gerade ein paar Ordner einsortierte.
Jana Schuster blinzelte überrascht, als sie Michelle erkannte. »Frau Brunner, nicht wahr?« Bevor Michelle antworten konnte, fuhr sie auch schon fort: »Das hätte ich jetzt nicht gedacht, aber gut.«
Ohne darauf einzugehen, nahm Michelle den Hörer in die Hand. »Soll ich Sie anmelden?«
»Nein.« Jana Schuster ließ ein paar Akten auf Michelles Schreibtisch fallen. »Nicht nötig. Bringen Sie Frau Vargas einfach die Unterlagen. Ich erwarte morgen eine Antwort von ihr.«
Noch einmal glitten ihre Blicke über Michelle, dann nickte sie ihr leicht zu und verschwand so schnell, wie sie gekommen war.
Was meinte sie? Michelle setzte sich und sah einen Moment auf die Tür zu Danelas Büro. Wusste sie gar nicht, dass Danela jetzt eine Assistentin hatte? Auf jeden Fall hatte sie ihrer Reaktion nach mit Michelle auf diesem Posten so überhaupt gar nicht gerechnet. Warum?
Alles Grübeln würde ihr nicht weiterhelfen. Entschlossen nahm sie die Akten, klopfte an die Tür, wartete auf das »Herein!« und öffnete sie. »Frau Schuster hat ein paar Unterlagen für Sie abgegeben. Sie erwartet morgen Ihre Antwort.«
»Legen Sie sie hier auf meinen Tisch«, sagte Danela, ohne aufzublicken.
Michelle war schon fast wieder zur Tür hinaus, als Danela sie zurückhielt. »Frau Brunner?«
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